Tellkamp sieht DDR-Tendenzen: Zweiteilung des Verhaltens im Alltag kommt wieder

Tellkamp sieht DDR-Tendenzen: Zweiteilung des Verhaltens im Alltag kommt wieder

20.11.2022 – Reitschuster.de

Hier geht es direkt zum Video mit dem Gespräch.

„Auch in der Diktatur gibt es Freiräume, das Problem ist nur – wer testet das aus?“ Deutschland sei zwar keine Diktatur – „noch nicht“ – aber „es gibt andere Formen von Einschränkung der Meinungsfreiheit und es gibt andere Zwänge“, sagt der Schriftsteller Uwe Tellkamp in seinem Gespräch mit mir: „Wir haben eine demokratische Form der Einschränkung der Meinungsfreiheit, mit demokratischen Blockierungsmaßnahmen“, so der Bestseller-Autor, der gerade seinen neuen Roman „Der Schlaf in den Uhren“ veröffentlicht hat.

In der DDR habe es eine Zweiteilung gegeben, so der 1968 in Dresden geborene und in der DDR aufgewachsene gelernte Arzt: Zuhause habe man relativ frei sein können, sobald man aber vor die Tür trat, habe man „eine Art Soldatenkleid“ anziehen und in einer feindlichen Umgebung aufpassen müssen, und genau abwägen was man sagt. „Und diese Art der Zweiteilung des Verhaltens im Alltag kommt wieder“, so die Diagnose von Tellkamp: „Dass Menschen bei verschiedensten Themen anders reagieren in ihrem Freundeskreis und auf Arbeit oder im öffentlichen Raum.“

„Ich höre oft gerade auch aus den alten Bundesländern, dass dort Menschen extrem vorsichtig geworden sind und die Einsamkeit im politischen Raum enorm groß geworden ist“, so der Dresdner. Er denke oft darüber nach, woher die Moralisierung komme: „Vermutlich aus dem innersten unserer Gesellschaft selbst, aus unserer Wirtschaft und Lebensweise. Wir sind in einer Demokratie, die nach 70 Jahren in vielerlei Hinsicht an Enden gekommen ist. Und eine Demokratie braucht, wenn sie marktwirtschaftlich geführt ist, immer neue Wachstums- und Produktzyklen. Sie braucht innovative Gedanken. Und innovative Gedanken scheinen mir zu Zeit von der grünen Bewegung auszugehen, die ein Erzählmuster, ein Narrativ, implantiert hat in die Gesellschaft, wie neue Formen des Lebens, bewahrende Formen des Lebens, auch wirtschaftlich gesehen neue Formen des Lebens, von der Solaranlage bis zur Hauswanddämmung. Das ist eine gute Geschichte. Und diese Gutheits-Erzählung fällt auf guten Boden. Weil viele Medienvertreter, was die Grünen betrifft, aus dem gleichen Milieu kommen. Sie haben häufig den reinen Nachrichtenraum verlassen, und das hat tief die Gesellschaft verändert und tut das noch. Und das ist verbunden mit dieser Moral von Gut und Böse. Weniger Wahr und Falsch interessiert, sondern Gut und Böse. Und das ist für mich ein Zeichen von einlaufenden Diktaturen oder von sterbenden Demokratien.“

Religiöser Sensus

Auch das Ersterben des religiösen Sensus spiele eine Rolle: „Man hat alles, aber hat keinen Sinn“. Die Kirchen hätten sich abgekehrt von der Sinnsuche und seien weitgehend „zum politischen Arm der Grünen und im weitesten Sinne einer Gutmeinungs-Linken“ geworden. „Dann kommt der religiöse Sensus auf andere Ideen und sucht sich andere Betätigungsfelder. Erlösungsphantasien. Und ich habe manchmal den Eindruck, dass die Deutschen dafür besonders empfänglich sind. Erlöst zu werden von ihrer finsteren und dunklen Vergangenheit“.

amzn
Bild: Shutterstock

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„Auch in der Diktatur gibt es Freiräume, das Problem ist nur – wer testet das aus?“ Deutschland sei zwar keine Diktatur – „noch nicht“ – aber „es gibt andere Formen von Einschränkung der Meinungsfreiheit und es gibt andere Zwänge“, sagt der Schriftsteller Uwe Tellkamp in seinem Gespräch mit mir: „Wir haben eine demokratische Form der Einschränkung der Meinungsfreiheit, mit demokratischen Blockierungsmaßnahmen“, so der Bestseller-Autor, der gerade seinen neuen Roman „Der Schlaf in den Uhren“ veröffentlicht hat.

In der DDR habe es eine Zweiteilung gegeben, so der 1968 in Dresden geborene und in der DDR aufgewachsene gelernte Arzt: Zuhause habe man relativ frei sein können, sobald man aber vor die Tür trat, habe man „eine Art Soldatenkleid“ anziehen und in einer feindlichen Umgebung aufpassen müssen, und genau abwägen was man sagt. „Und diese Art der Zweiteilung des Verhaltens im Alltag kommt wieder“, so die Diagnose von Tellkamp: „Dass Menschen bei verschiedensten Themen anders reagieren in ihrem Freundeskreis und auf Arbeit oder im öffentlichen Raum.“

„Ich höre oft gerade auch aus den alten Bundesländern, dass dort Menschen extrem vorsichtig geworden sind und die Einsamkeit im politischen Raum enorm groß geworden ist“, so der Dresdner. Er denke oft darüber nach, woher die Moralisierung komme: „Vermutlich aus dem innersten unserer Gesellschaft selbst, aus unserer Wirtschaft und Lebensweise. Wir sind in einer Demokratie, die nach 70 Jahren in vielerlei Hinsicht an Enden gekommen ist. Und eine Demokratie braucht, wenn sie marktwirtschaftlich geführt ist, immer neue Wachstums- und Produktzyklen. Sie braucht innovative Gedanken. Und innovative Gedanken scheinen mir zu Zeit von der grünen Bewegung auszugehen, die ein Erzählmuster, ein Narrativ, implantiert hat in die Gesellschaft, wie neue Formen des Lebens, bewahrende Formen des Lebens, auch wirtschaftlich gesehen neue Formen des Lebens, von der Solaranlage bis zur Hauswanddämmung. Das ist eine gute Geschichte. Und diese Gutheits-Erzählung fällt auf guten Boden. Weil viele Medienvertreter, was die Grünen betrifft, aus dem gleichen Milieu kommen. Sie haben häufig den reinen Nachrichtenraum verlassen, und das hat tief die Gesellschaft verändert und tut das noch. Und das ist verbunden mit dieser Moral von Gut und Böse. Weniger Wahr und Falsch interessiert, sondern Gut und Böse. Und das ist für mich ein Zeichen von einlaufenden Diktaturen oder von sterbenden Demokratien.“

Religiöser Sensus

Auch das Ersterben des religiösen Sensus spiele eine Rolle: „Man hat alles, aber hat keinen Sinn“. Die Kirchen hätten sich abgekehrt von der Sinnsuche und seien weitgehend „zum politischen Arm der Grünen und im weitesten Sinne einer Gutmeinungs-Linken“ geworden. „Dann kommt der religiöse Sensus auf andere Ideen und sucht sich andere Betätigungsfelder. Erlösungsphantasien. Und ich habe manchmal den Eindruck, dass die Deutschen dafür besonders empfänglich sind. Erlöst zu werden von ihrer finsteren und dunklen Vergangenheit“.

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