Rubikon

01.10.2022

Im Zweifel für den Frieden

„Es gibt Regeln für das Töten im Krieg“, sagte die Konfliktforscherin Belkis Wille von Human Rights Watch über die Kampfhandlungen in der Ukraine. Dahinter steht die Vorstellung, es gebe „Kriegsverbrechen“ auf der einen Seite — also zum Beispiel die Tötung von Zivilisten oder die Misshandlung von Kriegsgefangenen — und „legitime“, „normale“ Kriegshandlungen. Diese Annahme ist eine Beschönigung des Grauens. Der Krieg selbst ist ein Verbrechen — immer. Dies wird für Menschen umso mehr zu einer Wahrheit, je näher sie der Realität des Krieges gekommen sind. Konsequente Pazifisten haben deshalb schon immer alle wohlfeilen Rechtfertigungen für Kriegshandlungen — „Ich musste es tun, weil …“, „Ich musste es tun, damit …“ — zurückgewiesen. Sie argumentieren aus unmittelbarer Menschlichkeit und aus dem Mitgefühl heraus. Aber auch strategisch und ganz rational hat der Pazifismus vieles für sich: Wer sich weigert, Feind zu sein, nimmt seinem Gegenüber jene Angst, die er selbst auch empfindet. Krieg ist niemals im Interesse der einfachen Bürger in den beteiligten Ländern, die von selbst nicht darauf kämen, auf völlig Fremde zu schießen. Stets hilft er nur einer Minderheit von verirrten, auf Profit oder Macht versessenen Individuen. Friedlich sein, versöhnlich, nachgiebig, ist nicht ohne Risiko — im Vergleich zu all dem Leid und der Zerstörung, die die gegenteilige Haltung anrichtet, ist es jedoch eine bedenkenswerte Option.

Komento Comments