Des Michels liebster Exportschlager: Früher erobern, heute belehren

Des Michels liebster Exportschlager: Früher erobern, heute belehren

28.09.2022 – the Germanz

von JULIAN MARIUS PLUTZ

BERLIN – Wenn im Ausland eine Regierung gewählt wird, schaut der Deutsche ganz genau hin. Ist der Kandidat überhaupt für das Amt geeignet? Ist er etwa korrupt? Oder kann es sein, dass der zukünftige Regierungschef rechts ist? Letzteres kann der Deutsche mit der metertiefen Verantwortung der eigenen Geschichte unmöglich zulassen. „Nie wieder!“ gilt nicht nur dem Inland, sondern für die ganze Welt. „Früher wollten die Deutschen die Welt erobern, heute will er sie belehren“, sagte unlängst der Energieexperte Thomas Eisenhuth.

Die Expertise, über zwölf Jahre von den Nazis beherrscht zu werden, ist von Hamburg bis Homburg des Michels liebster Exportschlager. Mit dem kleinen Unterschied, dass die, die tatsächlich unter Hitler litten, tot sind. Was bleibt ist ein larmoyanter Phantomschmerz und die unerklärliche Hybris, dadurch die Moral für sich gepachtet zu haben, und damit andere Länder zu belehren.

Bizarre Stimmen aus Deutschland

Am 25. September wählte Italien aller Voraussicht nach Georgia Meloni zur nächsten Regierungschefin. Sie gilt als rechts und ist Mitglied einer Partei, die Fratelli d‘italia heißt. Die Tochter eines Steuerberaters und einer Autorin gilt als sehr hart und sehr direkt. Sie absolvierte eine Sprachenausbildung an einer Hotelfachschule und arbeitete in der Gastronomie: als Kellnerin, als Barfrau in einer Diskothek und als Kindermädchen im Haushalt eines Showmasters.

Die Deutschen, die am liebsten mitwählen würden, reagieren auf die Wahl wie ein beleidigtes Kind, weil es nicht zur Geburtstagsfeier eingeladen wurde.

Entsprechend fielen die Kommentare der Politiker aus: „Das ist keine gute Nachricht für Italien und keine gute Nachricht für ganz Europa“, sagte die Co-Chefin der Grünen, Ricarda Lang, dem ZDF. Der bis dato völlig unbekannte Achim Post, Vizefraktionachef der SPD im Bundestag, sprach von einem „bitteren Tag für alle, die ein starkes und demokratisches Europa wollen“. Post erklärte ebenfalls dem ZDF, es sei eine „schwere Hypothek für Europas Zusammenhalt und Handlungsfähigkeit“, dass Italien „nun absehbar von einer Allianz aus Neofaschisten, Rechtsnationalen und Rechtspopulisten regiert werden dürfte“.

Auch die Union bedauert, nicht mitgewählt gedurft zu haben: „Wir hätten uns ein anderes Wahlergebnis beileibe gewünscht“, sagte der Generalsekretär der CDU, Mario Czaja, bei RTL/ntv. „Für uns ist wichtig, dass es ein Bekenntnis zur Demokratie, zu unserem demokratischen Wertefundament gibt, auch ein Bekenntnis zu Europa.“ Es darf bezweifelt werden, dass Frau Meloni sich zu diesem Bekenntnis herabwürdigen lässt. Auf einen außerordentlich bizarren Rückschluss kam der Chef der Linken, Martin Schirdewan. Er fordert als Konsequenz eine sozialer ausgerichtete Politik in Europa. Wer Europa wolle, müsse „es Reichen und Konzernen nehmen“, schrieb er auf Twitter. „Ein Weiter so zerstört unsere Demokratie“.

Sexismus in Reinform

Egal welche Partei, mit Ausnahme der AfD, hat an dem Wahlausgang in Italien etwas auszusetzen. Besonders irre geben sich sie woken Linken. Frau Meloni wäre der erste weibliche Regierungschef in Italien. Doch anstatt dass man diese Tatsache als „progressiv“ einordnen würde, holen sie die Nazikeule heraus. Wäre Meloni links, oder wenigstens liberal, was immer das bedeuten soll, wäre ihr die Liebe aus Deutschland gewiss. Anders gesagt: Woke Männer, die die Grünen wählen und sich als Feminist bezeichnen, verweigern das obligatorische Lob, dass es doch endlich mal in Italien Zeit geworden ist, dass eine Frau an die Macht kommt.

Das ist Sexismus. Da Frau Meloni nicht so ist, wie es Björn vom Prenzlauer Berg gerne hätte, muss sie geächtet werden. Sie hat einfach die falsche Meinung, um die Anerkennung von links zu bekommen, wofür sie eigentlich ganz dankbar sein kann.

Nächstes unliebsames Wahlergebnis in Deutschland?

Und so hat ein weiteres Land nicht so gewählt, wie es die Deutschen gerne hätten. Es ist schon ein verflixter Nachteil an dieser Demokratie, dass Völker souverän und unabhängig vom Ausland abstimmen. Dafür ist der nächste Italien-Urlaub gestrichen. Früher, so denkt es an dunklen Tagen im Deutschen, konnte man wenigstens noch ein widerspenstiges Land überfallen. Doch das geht nun auch nicht mehr, außer man ist Russland.

Die Deutschen täten gut daran, die unliebsamen Wahlergebnisse anderer Länder zu akzeptieren. Denn irgendwann kann es auch in diesem Land sein, dass eine Wahl nicht zu dem Ergebnis führt, wie man es erwünscht hatte. Da wünscht er sich doch nichts sehnlicher, als so eine Wahl dann wieder rückgängig zu machen. Hatten wir ja auch schon mal.

Des Michels liebster Exportschlager: Früher erobern, heute belehren

28.09.2022 – the Germanz

von JULIAN MARIUS PLUTZ

BERLIN – Wenn im Ausland eine Regierung gewählt wird, schaut der Deutsche ganz genau hin. Ist der Kandidat überhaupt für das Amt geeignet? Ist er etwa korrupt? Oder kann es sein, dass der zukünftige Regierungschef rechts ist? Letzteres kann der Deutsche mit der metertiefen Verantwortung der eigenen Geschichte unmöglich zulassen. „Nie wieder!“ gilt nicht nur dem Inland, sondern für die ganze Welt. „Früher wollten die Deutschen die Welt erobern, heute will er sie belehren“, sagte unlängst der Energieexperte Thomas Eisenhuth.

Die Expertise, über zwölf Jahre von den Nazis beherrscht zu werden, ist von Hamburg bis Homburg des Michels liebster Exportschlager. Mit dem kleinen Unterschied, dass die, die tatsächlich unter Hitler litten, tot sind. Was bleibt ist ein larmoyanter Phantomschmerz und die unerklärliche Hybris, dadurch die Moral für sich gepachtet zu haben, und damit andere Länder zu belehren.

Bizarre Stimmen aus Deutschland

Am 25. September wählte Italien aller Voraussicht nach Georgia Meloni zur nächsten Regierungschefin. Sie gilt als rechts und ist Mitglied einer Partei, die Fratelli d‘italia heißt. Die Tochter eines Steuerberaters und einer Autorin gilt als sehr hart und sehr direkt. Sie absolvierte eine Sprachenausbildung an einer Hotelfachschule und arbeitete in der Gastronomie: als Kellnerin, als Barfrau in einer Diskothek und als Kindermädchen im Haushalt eines Showmasters.

Die Deutschen, die am liebsten mitwählen würden, reagieren auf die Wahl wie ein beleidigtes Kind, weil es nicht zur Geburtstagsfeier eingeladen wurde.

Entsprechend fielen die Kommentare der Politiker aus: „Das ist keine gute Nachricht für Italien und keine gute Nachricht für ganz Europa“, sagte die Co-Chefin der Grünen, Ricarda Lang, dem ZDF. Der bis dato völlig unbekannte Achim Post, Vizefraktionachef der SPD im Bundestag, sprach von einem „bitteren Tag für alle, die ein starkes und demokratisches Europa wollen“. Post erklärte ebenfalls dem ZDF, es sei eine „schwere Hypothek für Europas Zusammenhalt und Handlungsfähigkeit“, dass Italien „nun absehbar von einer Allianz aus Neofaschisten, Rechtsnationalen und Rechtspopulisten regiert werden dürfte“.

Auch die Union bedauert, nicht mitgewählt gedurft zu haben: „Wir hätten uns ein anderes Wahlergebnis beileibe gewünscht“, sagte der Generalsekretär der CDU, Mario Czaja, bei RTL/ntv. „Für uns ist wichtig, dass es ein Bekenntnis zur Demokratie, zu unserem demokratischen Wertefundament gibt, auch ein Bekenntnis zu Europa.“ Es darf bezweifelt werden, dass Frau Meloni sich zu diesem Bekenntnis herabwürdigen lässt. Auf einen außerordentlich bizarren Rückschluss kam der Chef der Linken, Martin Schirdewan. Er fordert als Konsequenz eine sozialer ausgerichtete Politik in Europa. Wer Europa wolle, müsse „es Reichen und Konzernen nehmen“, schrieb er auf Twitter. „Ein Weiter so zerstört unsere Demokratie“.

Sexismus in Reinform

Egal welche Partei, mit Ausnahme der AfD, hat an dem Wahlausgang in Italien etwas auszusetzen. Besonders irre geben sich sie woken Linken. Frau Meloni wäre der erste weibliche Regierungschef in Italien. Doch anstatt dass man diese Tatsache als „progressiv“ einordnen würde, holen sie die Nazikeule heraus. Wäre Meloni links, oder wenigstens liberal, was immer das bedeuten soll, wäre ihr die Liebe aus Deutschland gewiss. Anders gesagt: Woke Männer, die die Grünen wählen und sich als Feminist bezeichnen, verweigern das obligatorische Lob, dass es doch endlich mal in Italien Zeit geworden ist, dass eine Frau an die Macht kommt.

Das ist Sexismus. Da Frau Meloni nicht so ist, wie es Björn vom Prenzlauer Berg gerne hätte, muss sie geächtet werden. Sie hat einfach die falsche Meinung, um die Anerkennung von links zu bekommen, wofür sie eigentlich ganz dankbar sein kann.

Nächstes unliebsames Wahlergebnis in Deutschland?

Und so hat ein weiteres Land nicht so gewählt, wie es die Deutschen gerne hätten. Es ist schon ein verflixter Nachteil an dieser Demokratie, dass Völker souverän und unabhängig vom Ausland abstimmen. Dafür ist der nächste Italien-Urlaub gestrichen. Früher, so denkt es an dunklen Tagen im Deutschen, konnte man wenigstens noch ein widerspenstiges Land überfallen. Doch das geht nun auch nicht mehr, außer man ist Russland.

Die Deutschen täten gut daran, die unliebsamen Wahlergebnisse anderer Länder zu akzeptieren. Denn irgendwann kann es auch in diesem Land sein, dass eine Wahl nicht zu dem Ergebnis führt, wie man es erwünscht hatte. Da wünscht er sich doch nichts sehnlicher, als so eine Wahl dann wieder rückgängig zu machen. Hatten wir ja auch schon mal.

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